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Super Sunday mit den Mardi Gras Indians in New Orleans

  • vor 18 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Mein persönliches Erlebnis mit den Mardi Gras Indians


Heute, am 15.03.2026, ist wieder Super Sunday in New Orleans — und ich muss ehrlich sagen: Ich denke gerade sehr intensiv an diesen einen Tag vor ein paar Jahren, an dem ich mittendrin war. Nicht als gut informierter Tourist mit Reiseführer in der Hand, sondern eher zufällig, hartnäckig und mit ein bisschen Glück. Denn dieser Tag fängt schon damit an, dass man ihn erst mal finden muss.


Super Sunday ist übrigens immer der Sonntag, der dem St. Joseph’s Day (19. März) am nächsten liegt — eine Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Genauer gesagt: Der New Orleans Mardi Gras Indian Council hält seinen Super Sunday immer am dritten Sonntag im März ab. Zusätzlich gibt es noch einen zweiten Super Sunday, den die Tamborine and Fan Organisation traditionell am Sonntag nahe dem St. Joseph’s Day am Bayou St. John veranstaltet — sowie seit einigen Jahren einen dritten namens „Big Sunday”, der im April zwischen dem French Quarter Festival und dem Jazz Fest stattfindet.



Die erste Hürde: Wo findet das überhaupt statt?


Ich erinnere mich noch gut, wie ich versucht habe, im Vorfeld herauszufinden, wo genau die Mardi Gras Indians am Super Sunday marschieren. Eine offizielle Route gibt es so gut wie nicht — zumindest keine, die man einfach googeln oder auf einer Karte nachschlagen könnte. Die Routen sind auf keiner Karte verzeichnet. Man muss einen Einheimischen fragen.


Genau das habe ich dann auch getan. Irgendwann hat mir jemand in einer Bar in der Nähe meines Hotels erklärt, wo ich hin muss. Der Startpunkt ist der A.L. Davis Park an der Washington Avenue und LaSalle Street, wo das Festival ab 12 Uhr beginnt. Der eigentliche Strut — so nennt man den Marsch der Indians — startet um 1 Uhr nachmittags vor dem Mardi Gras Indian Council Campus in der LaSalle Street 2608.  Von dort führt die Route die LaSalle Street hinunter zum Martin Luther King Jr. Boulevard, dann links auf die Claiborne Avenue, links auf die Washington Avenue — und endet wieder im A.L. Davis Park.


Klingt einfach. Ist es aber nicht — vor allem, wenn man kein Auto hat.



Hinfahren? Viel Spaß dabei.


Die zweite große Herausforderung: die Anreise. Wer glaubt, er nimmt schnell ein Uber oder ein Taxi dorthin — viel Glück. Die Straßen rund um Central City sind am Super Sunday gerne verstopft. Kein Taxifahrer kommt da durch, und selbst wenn man einen findet, der es versucht, sitzt man irgendwann fest. Öffentliche Verkehrsmittel? Theoretisch möglich, praktisch ein Abenteuer, das man einkalkulieren muss.


Mein Tipp: Frühzeitig aufbrechen, zu Fuß die letzten Blocks gehen, und vor allem — nicht alleine hingehen. Das Viertel, durch das die Route führt, ist ein echtes New-Orleans-Nachbarschaftsviertel. Nicht poliert, nicht touristisch. Wer alleine als sichtbarer Fremder durch die Straßen läuft, wird zwar wahrscheinlich nichts Schlimmes erleben — aber wohler fühlt man sich definitiv in einer kleinen Gruppe. Das ist New Orleans, wie es wirklich ist: authentisch, lebendig, manchmal rau. Und genau deshalb so unvergesslich — aber man sollte es respektieren und mit Verstand angehen.



Ankommen: Die Straße erwacht


Aber dann — wenn man erst mal da ist — vergisst man all das sofort.


Der A.L. Davis Park und die umliegenden Straßen verwandeln sich in ein lebendiges Festival mit Live-Musikbühnen, Essen, Getränken und Verkaufsständen.  Und das meine ich wörtlich: in der Straßen rund um den Park und entlang der Route reihen sich Barbecue-Grills aneinander, einer nach dem anderen. Der Geruch von gegrillten Rippchen, Pulled Pork und Würstchen liegt in der Luft, vermischt mit dem Duft von frittiertem Teig und gebratenen Krabben. Gegrillte Pork Chops auf weißem Brot für ein paar Dollar, Bier aus Kühltaschen, die jemand einfach neben sich herzieht  — das ist Catering auf New-Orleans-Art. Niemand steht hinter einer Absperrung. Die Grill-Master stehen mitten auf dem Gehweg, der Rauch zieht durch die Straßen, und man bestellt einfach direkt am Grill.


Dazwischen: Musikgruppen, Kinder in kleinen Indian-Kostümen, Familien auf Klappstühlen, Großmütter in Festtagskleidung. Hier feiern Menschen aller Gesellschaftsschichten zusammen, in ihren eigenen Straßen — eine all-day Parade inmitten echter Nachbarschaftskultur, die ihresgleichen sucht.



Dann kommen die Indians


Und dann — irgendwann am frühen Nachmittag — hört man sie, bevor man sie sieht. Trommeln, Tambourine, Gesang. Die Stimmung verdichtet sich, die Menge drängt zusammen, und plötzlich sind sie da.


Was dann passiert, lässt sich kaum in Worte fassen. Kostüme in Knallrot, Türkisblau, leuchtendem Gold — von Kopf bis Fuß bedeckt mit Tausenden von Perlen, Federn, Pailletten und Stickereien. Tausende Stunden Arbeit, tausende Dollars, tausende Perlen und Federn stecken in jedem einzelnen Suit — viele erzählen in ihren Designs Geschichten aus der afrikanischen und afroamerikanischen Geschichte.


Und diese Kostüme wiegen. Manche bis zu 150 Pfund — also rund 68 Kilogramm — aus Federn, Perlen, Samt und Straßsteinen, allesamt von Hand aufgenäht.  Man muss sich das vorstellen: In der feuchtschwülen Hitze von New Orleans, wir sind im März und wenn man großes Glück hat noch unter 25 Grad, tanzen und singen diese Männer und Frauen stundenlang durch die Straßen — unter einer Last, die schwerer ist als viele Menschen. Die körperliche Ausdauer, die das erfordert, ist kaum vorstellbar.





Ein Jahr Arbeit für einen Tag


Was mich persönlich am meisten bewegt hat, ist der Gedanke daran, was hinter diesen Kostümen steckt. Jedes Kostüm entsteht neu — jedes Jahr, von Grund auf, in wochenlanger Handarbeit.  Über 40 Verkaufsstände gibt es allein rund um den A.L. Davis Park , aber kein einziger verkauft fertige Kostüme. Die werden nicht gekauft. Die werden gemacht.


Die beste Zeit, um die unglaubliche Detailarbeit der Perlen zu bewundern, ist vor dem Marsch, wenn die Indians ihre Suits noch auslegen und man nah herangehen kann — im Trubel der Parade gehen viele Details in der Bewegung verloren. Ich habe mir damals die Zeit genommen, wirklich nah ranzugehen, und war sprachlos. Muster, die aus Millionen winziger Perlen zusammengesetzt wurden. Federn, die eigens aus Afrika importiert und eingefärbt wurden. Jede Stickerei ein Kunstwerk für sich.




Warum du die Mardi Gras Indians in New Orleans erleben musst


Der Super Sunday ist kein Touristenattraktion. Er ist kein Stadtfest im üblichen Sinne. Er ist das lebendige Gedächtnis einer Gemeinschaft, die sich ihre eigene Würde und Ausdruckskraft erkämpft hat — gegen Ausgrenzung, gegen Armut, gegen das Vergessen.


You won’t find their routes on any map. You can’t Google their locations. You’ll need to ask a local.  Und genau das ist der Punkt. Dieser Tag gehört New Orleans. Er gehört Central City. Er gehört den Familien, die hier seit Generationen ihre Federn nähen.


Dass wir dabei sein dürfen — das ist ein Privileg. Und eines, das ich mir jedes Jahr aufs Neue bewahren möchte.


Die Fotos zeigen nur einen Bruchteil von dem, was dieser Tag ist. Aber vielleicht reicht es, um euch neugierig zu machen.


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