Jazz und Freiheit - Wie aus einem Konzerttermin ein Konzept wurde
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Es fing mit einer simplen Frage an: Was spielt man eigentlich zum Tag der Deutschen Einheit?
Ich hatte einen Konzerttermin für den 3. Oktober 2026 bekommen — und merkte schnell, dass mich dieser Termin mehr beschäftigte als erwartet. Ein Jubiläumskonzert? Eine musikalische Festrede? Ich fing an nachzudenken. Über Musik. Über Politik. Über den Zusammenhang zwischen beidem.

Musik und Politik — eine alte Geschichte
Dabei wurde mir bewusst, was ich eigentlich schon immer wusste, aber bisher nur selten eine Rolle für mich gespielt hatte: Musik war oft zutiefst politisch. Der Blues entstand aus Unterdrückung, Armut und dem Kampf um Würde — das war von Anfang an keine Unterhaltungsmusik, sondern ein Aufschrei. Reggae war Widerstand. Rap ist es bis heute. Soul, Funk, Folk der 60er — kaum eine dieser Strömungen ist entstanden, ohne dass dahinter ein gesellschaftlicher Kampf stand.
Und Jazz? Jazz war am Anfang vor allem Tanzmusik — Energie, Lebensfreude, Gemeinschaft. Aber spätestens in den 1930ern, und dann noch einmal mit der Bürgerrechtsbewegung, wurde er zu etwas anderem. Zu einem Statement. Zu einem Beweis dafür, dass Menschen, denen man alles nehmen wollte, trotzdem etwas schufen, das die ganze Welt veränderte.
Was mich traurig macht: Von dieser politischen Dimension ist im Jazz und Blues von heute kaum noch etwas zu spüren. Beide sind — von Ausnahmen abgesehen — Stilmusik geworden. Liebevoll gepflegt, handwerklich oft großartig. Aber der Stachel ist weg. Das Dringende fehlt.
Ein Satz, der alles verändert hat
Mitten in diesen Gedanken stieß ich auf einen Satz von Duke Ellington, den ich zwar schon mal gehört, aber seine tiefe Bedeutung nicht realisiert hatte: „Jazz ist ein Barometer der Freiheit.“ Nicht als Lobpreisung gemeint — als politische These. Wo eine Kunstform frei gedeihen kann, sagt das etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus. Wo sie unterdrückt wird, auch.
Plötzlich hatte ich ein Konzept.
Nicht für ein Konzert zum Tag der Deutschen Einheit. Sondern für ein Konzert, das man jeden Tag spielen könnte. Weil das Thema — Freiheit, Demokratie, der Kampf dafür — nicht an einem Datum hängt. Weil es gerade drängender ist als seit Jahrzehnten. Ellingtons Satz war nie aktueller.
Jazz und Freiheit
„Barometer der Freiheit“ ist dieser Versuch. Ein Abend, an dem ich am Klavier zwischen den Wurzeln des Blues und Jazz, freier Improvisation und eigenen Kompositionen pendle — und dazwischen Texte lese, die mich nicht loslassen. Texte von Duke Ellington, Martin Luther King Jr., Arvo Pärt, Barack Obama, Michelle Obama und Wynton Marsalis. Stimmen aus unterschiedlichen Zeiten und Kontinenten, die alle um denselben Gedanken kreisen: dass Freiheit nicht vom Himmel fällt. Dass sie gespielt, erkämpft und immer wieder neu behauptet werden muss.
Es ist kein politisches Konzert im Sinne von Agitation. Es ist ein Abend, der fragt — und versucht, die Antwort klingend zu finden. Mit Musik, die zeigt, wozu sie fähig ist, wenn sie sich traut, mehr zu sein als Hintergrund.
Wynton Marsalis hat es so formuliert: Wir improvisieren — das steht für unsere Freiheit. Wir swingen — das steht für unsere Verantwortung gegenüber den anderen. Wir spielen den Blues — das heißt, wir bleiben optimistisch, egal wie schwer es wird.
Das klingt nach Jazz. Es klingt auch nach Demokratie.
Ellington hatte recht.
Was Worte nicht fassen, spielt die Musik. Und manchmal, wenn man lange genug zuhört, versteht man Dinge, die sich sonst nicht erklären lassen — über Freiheit, über Verantwortung, über das, was uns verbindet, wenn alles andere uns zu trennen droht.
„Barometer der Freiheit“ — 3. Oktober 2026, Johann-Sebastian-Bach-Haus Bad Hersfeld. Und danach, hoffe ich, noch viele weitere Abende. Weil das Thema bleibt.
Interesse an einer Aufführung? Melde dich: info@luleymusic.de




